Textproben

Textproben aus der letzten Soester Zeitschrift 130 (2018)

Mechtild Brand

Welvers jüdische Geschichte

Wer sich mit der Geschichte der Juden in der heutigen Großgemeinde Welver beschäftigen will, muss zuerst historische Grenzen kennenlernen. Der Bereich der Flur Meyerich, der sich weitgehend mit dem heutigen Zentralort Welver deckt, gehörte früher zur Grafschaft Mark. Scheidingen und Illingen waren Teil des Herzogtums Westfalen und lagen damit im Einflussbereich von Kurköln. Das war für Juden eine Grenze zwischen zwei sehr unterschiedlichen Rechtsräumen. In Kurköln waren die Bedingungen für die Niederlassung von Juden deutlich großzügiger, und damit erklärt sich, dass der jüdische Siedlungsschwerpunkt innerhalb der heutigen Großgemeinde Welver in Scheidingen lag. Die Jüdische Gemeinde in Werl existierte seit Jahrhunderten und war für die umliegenden Orte, also auch für Scheidingen, das Zentrum mit Synagoge und Schule.

Welver-Meyerich

Jüdische Spuren in Welver und Meyerich finden sich kaum. In Welver lebte 1851 der Besitzer eines „offenen Geschäftes“ mit Namen Moses Berliner. Erst in der Zeit der Weimarer Republik kam Philipp Ostwald, geb. am 29. September 1876 in Wattenscheid, nach Meyerich, um hier ein Bekleidungsgeschäft aufzubauen. Seine Familie hatte in Wattenscheid ein Warenhaus. Der Vater, Herz Ostwald, war dort am 1. Januar 1881 in die Stadtverordnetenversammlung gewählt worden. Außerdem war Herz Ostwald bis zu seinem Tod 1902 ca. 30 Jahre für die Synagogengemeinde Wattenscheid als Repräsentant und Vorstand tätig. Philipp Ostwald kam also aus der jüdischen Mittelschicht, die nach der Emanzipation der Juden im 19. Jahrhundert nach und nach ihren Platz in der Mehrheitsgesellschaft gefunden hatte. Die Familie hatte neun Kinder, sechs Töchter und drei Söhne, von denen einige ihr Glück außerhalb von Wattenscheid zu finden versuchten.

Philipp Ostwald war gelernter Uhrmacher. Er heiratete am 19. Februar 1922 Henriette Neuhaus, die am 26. Januar 1879 in Scheidingen geboren wurde und 1925 in Meyerich als Modistin gemeldet war. Die standesamtliche Eheschließung fand in Meyerich statt.

Beide Eheleute vereinbarten Gütergemeinschaft, schlossen am 22. Dezember 1924 einen notariellen Ehevertrag und betrieben das Kaufhaus Ostwald gemeinsam. Ende der Zwanzigerjahre planten sie einen Neubau, der 1931 zunächst genehmigt worden war, dann aber aus finanziellen Gründen nicht fertiggestellt werden konnte. Als Philipp Ostwald 1937 den Bauantrag für die Fortsetzung der Baumaßnahme stellte, wurde dieser mit Schreiben vom 5. November 1937 abgelehnt mit der Begründung, die Baugestaltung sei nicht ortsangemessen und eine „werkgerechte Durchbildung“ fehle völlig. Ob das eine sachliche oder eine gegen den jüdischen Antragsteller gerichtete Entscheidung war, ist dem Schreiben nicht zu entnehmen. Zeitzeugen erinnern sich, dass der Bau bis weit in die Nachkriegszeit hinein eine reichlich unvollendete Bauruine war.

Die NS-Zeit veränderte auch das Leben des Ehepaares Ostwald grundlegend. Am 2. Oktober 1938 beantragte Philipp Ostwald beim Standesamt Wattenscheid die Führung des zusätzlichen Namens Israel und bat um die Ausstellung einer entsprechenden Urkunde, was Henriette Ostwald in Werl erledigen musste. Im Standesamt Meyerich wurden die Zusatznamen auf der Heiratsurkunde am 31. Dezember 1938 eingetragen. Am 9. November 1938 war auch das Ehepaar Ostwald von den Übergriffen im Rahmen des Novemberpogroms betroffen. Die Zeitung meldete wenige Tage später: „Bei den spontanen judenfeindlichen Kundgebungen des deutschen Volkes […] wurden an dem jüdischen Geschäft am Bahnhof Welver die Schaufensterscheiben und die Ladeneinrichtung zertrümmert.“

Vermutlich haben Philipp und Henriette Ostwald kurz danach den Ort immer wieder einmal verlassen. Jedenfalls waren sie für die lokale Bevölkerung in den nächsten Jahren weitgehend unsichtbar, obwohl sich ihre Meldeadresse, bezogen auf die Angaben auf der Deportationsliste, wohl nicht geändert hat. In ihrem Haus haben sie aber nicht mehr wohnen können. Am 24. November 1938 meldete der Soester Anzeiger: „Ein Heim für die Jugend. Die […] Wohnung des jüdischen Kaufmanns Ostwald […] wird demnächst frei. Die hiesige Ortsgruppenleitung hat […] beschlossen, daraus ein neues Jugendheim zu errichten. […] Der bisherige Verkaufsraum […] soll für Übungs- und Schulzwecke der HJ und dem BDM zur Verfügung gestellt werden.“ Auch andere NS-Organisationen sollten im Haus der Ostwalds Platz finden. So besagt das zumindest die Zeitungsnotiz.

Tatsächlich waren die Ostwalds sehr bald gezwungen, ihren Besitz zu verkaufen. Der erste Käufer war ein Privatmann aus Welver. Doch bevor der Verkauf vom 1. Dezember 1938 rechtskräftig werden konnte, erhob die örtliche Molkerei Einspruch. Sie habe außer mit diesem Nachbargrundstück keine Möglichkeit, ihre Fläche zu vergrößern, leiste aber mit der Milchverarbeitung und der damit verbundenen Versorgung der Bevölkerung eine Aufgabe von allgemeiner Bedeutung. Sie setzte sich schließlich durch. Am 19. Februar 1940 wurde der Verkauf an die Molkerei abgewickelt, die auch den kleinen Grundbesitz von Henriette Ostwald in Kirchwelver erhielt.

Über den Verkaufspreis gab es längere Auseinandersetzungen. Zunächst war von 19.000 RM die Rede. Dann wurde die Summe auf 12.000 RM verringert. Nach einem Einspruch wurde er wieder auf die erste Summe heraufgesetzt. Damit waren aber nur die Grundstücke und die Gebäude veräußert. Der Kaufmann Anton Zünkeler in Arns-berg wurde 1938/39 beauftragt, das Geschäft der Ostwalds und einige andere jüdische Kaufhäuser in Soest und Werl abzuwickeln. Philipp Ostwald schätzte sein Aktiv-vermögen noch auf 16.750 RM. Aber über dieses Geld konnte das Ehepaar nicht mehr verfügen. Das Finanzamt Soest teilte am 27. Oktober 1939 mit:
„Der Jude Philipp Ostwald, Meyerich, schuldet dem Reich an Judenvermögensabgabe 4.200,00 RM, an Säumniszuschlägen 84,00 RM, an bisher entstandenen Vollstreckungsgebühren 17,04 RM, insgesamt 4.301,04 RM, neue Rate Judenvermögensabgabe am 15.11.1939 1.050,00 RM, zusammen 5.351,04 RM. 
Diese Summe wird als Sicherungshypothek eingetragen.“

Außerdem mussten sie am 6. August 1942 noch 1.130 RM an die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland überweisen. Von diesem Zeitpunkt an standen Philipp und Henriette Ostwald aus ihrem eigenen Vermögen nur noch monatlich 140 RM für ihre Miete und ihren Lebensunterhalt zur Verfügung. Die Miete zahlten sie möglicherweise für den ehemaligen Besitz von Henriette Ostwald vor ihrer Hochzeit, den ebenfalls die Molkerei gekauft hatte.


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Bärbel Cöppicus-Wex

Zur künstlerischen Dekonstruktion von „Bürgerlichkeit“ – Wilhelm Morgners Selbstbildnis IV (im Gehrock und Zylinder) von 1910

Die Selbstbildnisse Wilhelm Morgners bilden innerhalb seines Oeuvres eine schon zahlenmäßig bedeutende Werkgruppe: Im kurzen Zeitraum zwischen 1910 und 1914 schuf er 16 Gemälde, über 80 Zeichnungen und vier Grafiken, die seine eigene Person zum Gegenstand haben. In der kunsthistorischen Forschung wird wiederholt auf die „allgemeine Inkonstanz“ der Darstellungen hingewiesen. Nicht nur, dass sich die Selbstporträts in Komposition, Technik und Ausdruck unterscheiden, selbst die Physiognomie Morgners ist so starken Wandlungen unterworfen, dass eine sichere Identifizierung mitunter schwerfällt.

Morgners schwankender Blick auf die eigene Person und Physiognomie wird aus kunsthistorischer Perspektive auf seine Lebensumstände als Avantgarde-Künstler in der westfälischen Provinzstadt Soest bezogen. Soziale Isolation, Identitätssuche, materielle Unsicherheit sind die Motive, die seine persönliche Situation beschreiben und in psychologische Befindlichkeiten überführt werden, welche dann als Motivation für die Entstehung seiner Selbstbildnisse angeführt werden. Dieser Ansatz, alle Selbstbildnisse Morgners und ihren Entstehungszusammenhang ausschließlich auf ein „psychologisches Problem“ zurückzuführen, verstellt den unvoreingenommenen Blick auf die Porträts Morgners als Einzelschöpfungen, als bewusst und kalkuliert komponierte Bildnisse.

Besonders bei Morgners Selbstbildnis IV (im Gehrock und Zylinder) erweist sich diese einseitige Konzentration auf die rekonstruierte psychische Verfassung als zu kurzsichtig. Denn dieses großformatige Selbstbildnis, das Morgner in Gesellschaftskleidung, mit ironischem Gesichtsausdruck und in gleichsam nachlässiger wie gezierter Haltung zeigt, erklärt sich mit diesem Ansatz nicht hinreichend. Das Bildnis in diesem Sinne als Ausdruck der künstlerischen Identitätssuche zu interpretieren, schließt seine wesentlichen inhaltlichen Aspekte und vor allem die zeitgenössische Wirkungsabsicht des Gemäldes aus. Selbstbildnisse im Allgemeinen und Morgners Selbstbildnis mit Gehrock und Zylinder im Besonderen sind als „beredte Manifestationen des Selbstbewusstseins ihrer Schöpfer“ anzuerkennen. Als solche sind sie als Ich-Botschaft des Künstlers an die zeitgenössischen und zukünftigen Betrachter zu verstehen. Der Künstler begibt sich mit dem Selbstbildnis auf direkten Konfrontationskurs mit seinem Publikum.

Das Spezifische von Morgners Selbstbildnis von 1910, das sich allein schon durch sein Großformat von seinen übrigen Selbstporträts unterscheidet, beruht auf der Tatsache, dass Morgner es als Ganzkörperporträt anlegt. Zwar sind die unteren Extremitäten nicht mehr im Bild, aber Morgner tritt seinen Betrachtern aufrecht entgegen und setzt so seine ausgesuchte Bekleidung, nämlich Gehrock und Zylinder, in Szene. In der Morgner-Forschung herrscht Einigkeit, dass es sich hier um eine Art Verkleidung handelt und der aus einfachen Verhältnissen stammende Morgner diese repräsentativen Kleidungsstücke vermutlich nicht einmal selbst besaß. Doch die Wirkungsabsicht des Bildnisses geht über das „Kostümargument“ weit hinaus. Der Kleidung im Bild kommt vielmehr eine Schlüsselrolle zu, die es zu analysieren und auf ihre Ursache und Wirkungsabsicht hin zu untersuchen gilt. Dazu wird im Folgenden die spezielle habituelle Selbstdarstellung Morgners zum einen im Hinblick auf die zeitgenössische Funktion der von ihm gezeigten Gesellschaftskleidung kulturhistorisch eingeordnet und zum anderen mit Selbstbildnissen anderer Künstler verglichen, die sich ebenfalls der Gesellschaftskleidung für die Selbstinszenierung bedienten. Denn Morgners Bildnis ist keine singuläre Erscheinung. Das Selbstporträt in bürgerlicher Gesellschaftskleidung gehörte für die Künstler der Moderne zum festen Repertoire. Gehrock, Frack und Smoking kleiden auf unzähligen Bildnissen nicht nur herausgehobene Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Kultur, sondern auch die modernen Künstler selbst stellten sich gerne in diesen Anzügen aus den Kleiderschränken des gehobenen Bürgertums dar.

Das lässt den Schluss zu, dass es sich hier um mehr als nur um ein besonderes Kostüm handelte. Ganz offensichtlich verband sich mit der Darstellung eines Mannes in Gesellschaftsgarderobe eine spezifische und allseits zu dechiffrierende Symbolik, die von den Künstlern bewusst eingesetzt und beim Betrachter gezielt abgerufen werden konnte.


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