Textproben

Textproben aus der letzten Soester Zeitschrift 131 (2019)

Roland Götz

Die Ausstattung der evangelischen Kirche St. Albanuns und Cyriacus in Welver mit Altar, Kirchenbänken, Kanzel und Orgel (1822-1831) – zugleich ein Beispiel preußischer Verwaltung

Einsturz und Wiederaufbau der Kirche

„Euer Hochwohlgeborn werden gütigst erlauben, daß wir Ihnen mit einer gehorsamsten Bitte beschwerlich fallen dürfen.“ So ergeben leitete das Presbyterium der evangelischen Gemeinde Welver sein von Pfarrer Ludolph Brockhaus am Ende seiner Amtszeit und sechs Presbytern unterzeichnetes Schreiben vom 18. August 1822 an den Landrat von Essellen ein. Das Presbyterium bat den Landrat des Kreises Soest um den Altar und die Hälfte der Kirchenbänke aus der Soester Walburgisstiftskirche, weil bei der „nun bald beendigten Haupt Reparatur unserer Kirche […] neue Bedürfnisse wegen der innern Einrichtung“ entstanden seien. Denn die alte, mit dem Altartisch verbundene Orgel werde nach dem Plan des Landbaumeisters Wilhelm Tappe in dem südlichen Querschiff aufgestellt, „und dann steht das Chor ganz frey ohne Altar.“ Auch seien „die alten Bänke, welche sonst in der Kirche gewesen, alle [… ] verfaulet, so daß wir keine einzige von denselben mehr gebrauchen können.“ Und da die „Reparatur Kosten“ der Kirche über 2000 Reichstaler betragen würden, bitten die Unterzeichner des Schreibens, „daß uns das in der Stift St. Walburg Kirche zu Soest nunmehr entbehrlich gewordene Altar und die Bänke möchten für unsere Kirche geschenkt werden, damit wir einen abermaligen bedeutenden Kostenaufwand überhoben werden.“

Die Unterzeichner sind überzeugt, dass ihre Bitte erfüllt würde, wenn der Landrat sie „höhern Orts“ unterstützt, und relativieren zugleich den Wert des Geschenks, indem sie konstatieren: „Zwar hat das erwehnte Altar keinen großen Werth; es befinden sich keine Kunstgemälde darin, aber es passt doch sehr gut für unsere Kirche.“

An Friedrich von Essellen, den Landrat des Kreises Soest, wandte sich der Welveraner Kirchenvorstand, weil jener als untere staatliche Instanz für die Abwicklung der 1822 profanierten Walburgisstiftskirche zuständig war. Diese war entweiht worden, um als Kornmagazin umgenutzt zu werden. Damit standen die „kirchlichen Utensilien“ im Wege und zur Verfügung. Das um 1164 durch den Kölner Erzbischof Rainald von Dassel gegründete Walburgis-Augustinerinnenkloster war, nachdem es während der Soester Fehde zerstört worden war, innerhalb der Soester Stadtmauern in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts neu erbaut worden. Ab 1568 hatte sich Luthers Lehre im Kloster ausgebreitet, sodass kurz darauf das gemeinsame Leben der Klosterfrauen endete und 1625 das Walburgiskloster in ein freiweltliches Damenstift umgewandelt wurde, das 1812 aufgelöst wurde .

Die im Schreiben des Presbyteriums hervorgehobene „Haupt Reparatur unserer Kirche“ bezieht sich auf den Wiederaufbau der eingestürzten evangelischen Kirche St. Albanus und Cyriacus in Welver. Bereits während der französischen Herrschaft hatte der Landbauinspektor 1812 „die gänzliche Baufälligkeit“ der evangelischen Kirche festgestellt. Der Maire und spätere Bürgermeister des Bezirks Schwefe, Arnold Smiths aus Meyerich bei Welver, hatte sie daraufhin für mehrere Monate für den öffentlichen Gottesdienst geschlossen. In den nächsten Jahren hatten Bausachverständige die Kirche begutachtet, Pläne und Kostenvoranschläge gemacht. Die Gemeinde hatte für das günstigste Angebot die Kostenübernahme zugesagt. Zwar hatte Maire Smiths einen Vergabetermin festgesetzt. Aber weil die Kosten zu niedrig angesetzt worden waren, wurde von keinem Handwerksbetrieb ein Auftrag übernommen.

Nachdem im September 1816 Steinbrecher und Maurer eine schadhafte Seitenmauer der Kirche abgebrochen hatten, stürzte in der Nacht zum 3. Oktober „ein beträchtlicher Theil des Gewölbes und des übrigen Mauerwerks ein. Mittlerweile war auch die Orgel aus der Kirche genommen und das Dach losgebrochen. So lag denn das Gebäude großen Theils in Trümmern, die Arbeiten wurden eingestellt und man bezweifelte nun fast die Möglichkeit einer Reparatur desselben.“ In dieser Situation plante die Regierung in Arnsberg im Mai 1817 die Auflösung der evangelischen Gemeinde. Entschieden wehrte sich dagegen das Presbyterium und versicherte Bürgermeister Smiths, dass die Gemeinde „das Schwerste zur Reparatur der Kirche übernehmen wolle. Beiträge an Geld und Baumaterialien, Spann- und Handdienste wollte man nach Kräften ja gern leisten.“ Nachdem die Gemeinde erneut im November 1818 die Restaurierung ihrer Kirche beantragt hatte, genehmigte sie die Regierung im Februar 1819, und im September 1819, drei Jahre nach dem Einsturz der Kirche, wurde der Grundstein für den Wiederaufbau gelegt.

Und immer noch hatte die evangelische Gemeinde mit ihren etwa 800 Mitgliedern keinen Raum für Gottesdienste. Mehrmals hatte „der in seinem Amte in Ehren ergraute evangel[ische] Pfarrer Brockhaus“, zusammen mit den Presbytern und unterstützt von der Regierung in Arnsberg, den katholischen Pastor Werner darum gebeten, die katholische Kirche mitbenutzen zu dürfen, was dieser ablehnte. Pastor Werner war seit 1807 in Welver im Amt, und seither gab es dort wieder eine katholische Gemeinde. Nachdem Ende 1809 das Kloster aufgehoben worden war, diente die ehemalige Klosterkirche als katholische Gemeindekirche.

Da nun seit 1819 die Wiederherstellung der evangelischen Kirche absehbar schien, bat das Presbyterium die katholische Gemeinde erneut, ihre Kirche bis zur Fertigstellung der evangelischen mitbenutzen zu dürfen. Das wurde wieder abgelehnt. Immerhin setzte die Regierung durch, dass die evangelische Gemeinde ihre Gottesdienste vorläufig in einem Saal des ehemaligen Gasthauses des Klosters halten durfte. Die abweisende Haltung des katholischen Pfarrers und seines Kirchenvorstands erklärt sich aus den feindseligen Beziehungen zwischen der evangelischen Kirchengemeinde und dem Kloster Welver im 18. Jahrhundert. Und Ludolph Brockhaus hatte noch im Mai 1818 zusammen mit seinen Amtskollegen aus Dinker, Borgeln und Schwefe bei der Regierung in Arnsberg beantragt, die katholische Pfarrei in Welver wieder abzuschaffen. In ihrer Begründung hoben sie hervor, dass Werner „der evangelischen Gemeine in Welver den Mitgebrauch der dem Landesherrn allein zugehörigen katholischen Kirche“ verweigern würde.


Weiterlesen können Sie in der Soester Zeitschrift…



Maria Perrefort

Maria Viegener

Maria Viegener wurde am 17. September 1899 als Zwillingsschwester des späteren Hammer Fotografen Josef Viegener in Soest geboren. Neben dem Zwillingsbruder Josef sind besonders ihre Brüder Fritz (geb. 1888) und Eberhard (geb. 1890) bekannt geworden, die sich als Künstler einen Namen machten. Alle drei Brüder wurden im Sommer 2019 im Hammer Gustav-Lübcke-Museum in einer Ausstellung gewürdigt. Maria Viegener stand im Schatten ihrer Geschwister. Nicht zuletzt ihr schreckliches Schicksal in den Vernichtungsanstalten der NS-Psychiatrie führte dazu, dass nur sehr wenig über die Fotografin bekannt ist. Über ihre privaten Verhältnisse wissen wir in allgemeiner Form etwas aus der Familiengeschichte, die Eberhard Viegener publiziert hat, über Maria Viegener als Person hingegen erfahren wir nur aus der Anstaltsakte – und die wurde von einem Arzt verfasst und kann daher nicht eins zu eins als Ausdruck ihres Innenlebens gewertet werden. Dennoch sind diese Aufzeichnungen für die Rekonstruktion der letzten Lebensjahre der Maria Viegener von herausragender Bedeutung und unverzichtbar bei dem Versuch, diese Frau aus dem Dunkel der Vergessenheit zu holen und an ihr Leiden zu erinnern.

Die Fotografin

Nach der Schulentlassung hatte Maria Viegener zwei Jahre lang bei ihrer Mutter im Haushalt gearbeitet, sich dann aber auf die Fotografie verlegt. Hierfür hatte sie eine gewisse Zeit im Betrieb des Fotografen Joseph Köppelmann absolviert, der ein Geschäft in Paderborn, Arnsberg und Soest führte . Sie konnte dabei so profunde berufliche Erfahrungen sammeln, dass sie als ausgezeichnete Fotografin galt. In Soest hatte Maria Viegener erst an der Marktstraße 20, dann an der Jakobistraße 26 mit einigem Erfolg ein Fotografie-Atelier betrieben. Dort nutzte sie ein klassisches Glashaus als Atelier, das auch jederzeit für Tageslichtaufnahmen dienen konnte, eine durchaus kostspielige Angelegenheit, in die nur Profis investierten. „Sein Zweck ist, die Aufnahme vor Wind und Wetter zu schützen, vorzugsweise aber, die Beleuchtung des Aufzunehmenden in die Willkür des Operateurs zu geben. Das Glashaus ist der Angelpunkt eines photographischen Etablissements“, so eine Anleitung zum Glashausbau . Es hat den Anschein, dass Maria Viegener, ähnlich wie ihr Bruder Josef in Hamm, einen Schwerpunkt auf die Porträtfotografie legte und in diesem Rahmen auch zahlreiche Fotos von jüdischen Menschen aus Soest erstellte.

Mit 25 Jahren – 1924 – habe sie sich in Soest mit der Fotografie selbstständig gemacht, erzählt Maria 1937 in Warstein dem Arzt, eine eigentliche Lehrzeit habe sie aber nicht absolviert . Mit ihren Einkünften besorgte sie nicht nur den eigenen, sondern auch den Unterhalt der Eltern. Die Brüder Eberhard, Fritz und Josef hatten Soest längst verlassen, Eberhard und Fritz waren als freie Künstler tätig, Marias Zwillingsbruder Josef betrieb in Hamm ein gut laufendes Foto-Atelier. Die Schwester Amanda lebte als Ehefrau mit dem Künstler Wilhelm Wulff in Soest. Alle hatten sich eine mehr oder minder stabile eigene wirtschaftliche Existenz geschaffen. Maria war in Soest geblieben und sorgte nun für sich und die Eltern. Dabei kam es immer wieder dazu, dass sie „überlastet“ war. Nun überfalle sie „ganz schreckliche Angst“ bei der Arbeit, heißt es in der Krankenakte. Und die Fotografin meinte: „Vor allem darf ich nicht mehr im Dunkelzimmer arbeiten, ich darf es nicht mehr tun … es ist gerade, als wenn mir die Kraft dann weggezogen würde.“

Der familiäre Hintergrund

Maria Viegener war bereits im Mai 1933 wegen psychischer Beschwerden in der Anstalt Eickelborn unweit von Soest untergebracht gewesen, wurde von dort aber nach wenigen Monaten im September desselben Jahres wieder entlassen. Man hielt allerdings ihr häusliches Umfeld mit den Eltern nicht für heilsam, so dass sie zu ihrem Bruder, „Kunstmaler Viegener“, entlassen wurde. Eberhard Viegener lebte zu dieser Zeit mit seiner Frau Cecilie in Bittingen am Haarstrang, nicht weit von Soest entfernt, in einem freistehenden Haus mitten im Grünen. Der Maler hielt nicht auf bürgerliche Konventionen und konnte seiner Schwester frei von strengen Normen und Verpflichtungen womöglich einen angenehmen Aufenthalt bieten.

Als so genannte „freiwillige Pensionärin“ – Selbstzahlerin – fand Maria Viegener im Frühjahr 1937 erneut Aufnahme in einer psychiatrischen Anstalt, nun in Warstein (Abb. 4). Unter diesen Voraussetzungen konnte man sich vielleicht noch in Sicherheit wiegen, dass der Aufenthalt im „Damenpensionat“, wie die Mutter den Ort nannte, halbwegs komfortabel und vor allem auch jederzeit freiwillig wieder zu beenden wäre. Die Einlieferung in diese Anstalt sollte nun aber das Schicksal der Maria Viegener besiegeln.


Weiterlesen können Sie in der Soester Zeitschrift…
Dieses Heft der Soester Zeitschrift (ISSN 0176-3946) können Sie auch im Buchhandel zum Preis von 25 Euro erwerben.