Textproben

Textproben aus der letzten Soester Zeitschrift 132 (2020)

Johannes Müller-Kissing

Bauhistorische Nahaufnahme: Der Deckungsgraben im Ulrich-Jakobi-Wall im Kontext des Luftschutzes der Stadt Soest

Bei der Sanierung des Ulrich-Jakobi-Walls trafen die Arbeiter Ende Januar 2020 bei der Verbreiterung des Walldurchbruches in der Verlängerung der Straße „Grüne Hecke“ auf eine vergessene Luftschutzanlage aus dem Zweiten Weltkrieg. Erste Nachforschungen ergaben, dass mehrere dieser Durchbrüche durch den Stadtwall erst 1943 angelegt worden waren. Dabei handelte es sich nicht nur um reine Fluchtwege in das Umland, sondern vielmehr um Zugangsbauwerke zu Stollen, die innerhalb der Wallkörper angelegt worden waren.

Das frühzeitige Verschließen der Stollenanlage nach dem Krieg hatte nicht nur dafür gesorgt, dass diese Anlage den meisten Soestern nicht bekannt war, sondern dass vor allem ein Großteil der Einrichtung sowie eine Vielzahl zeitgenössischer Graffiti konserviert wurden. Auch der unumgängliche Vandalismus und Diebstahl möglicher NS-Paraphernalia in derartigen Bauwerken hielt sich durch die Vermauerung in Grenzen (Abb. 1). Zusammengenommen stellt der Luftschutzstollen am Ulrich-Jakobi-Wall einen seltenen Befund von hohem wissenschaftlichem Wert dar, den es gilt, in der Folge im Kontext des Luftschutzes vorzustellen.

Bereits in den 1920er-Jahren waren mit der Weiterentwicklung der Luftwaffe in verschiedenen Ländern Methoden entwickelt worden, mit denen die Bevölkerung im Zuge eines neuen Krieges geschützt werden sollte. Die zwei Grundpfeiler dieser Bemühungen waren der aktive Luftschutz, sichergestellt durch Jagdflugzeuge und Flugabwehrbatterien, die den einfliegenden Gegner noch vor Erreichen des Ziels abschießen sollten, und der passive Luftschutz, der dann von Bedeutung wurde, wenn gegnerische Flugzeuge ihre Bomben abwarfen. Hierzu wurden Schutzräume für die Bevölkerung geschaffen, Notfallpläne für die Feuerwehr und andere Bergungseinheiten aufgestellt und die Bevölkerung in Kursen im richtigen Verhalten für den Ernstfall geschult. Im Verlauf des Krieges, besonders ab dem Spätsommer 1940, zeigte sich dann, dass die Verantwortlichen in den Planungsstäben das Ausmaß eines modernen Luftkrieges unterschätzt hatten. Die danach bis 1945 aufgebauten Luftschutzorganisationen und -einrichtungen der Stadt Soest, denen der Luftschutzstollen am Ulrich-Jakobi-Wall angehörte, sind daher nicht als von vorn herein geplantes Konstrukt, sondern vielmehr als organisch gewachsener Notbehelf zu sehen.

Soest mit seinem bedeutenden Güterbahnhof und Militäreinrichtungen galt bereits zu Kriegsbeginn als potentielles Zielgebiet feindlicher Bomberverbände, verfügte aber neben wenigen kleineren Schutzräumen über keine bombensicheren Schutzplätze für die Zivilbevölkerung. Im September 1940 wurde die Stadt deshalb neben 80 weiteren als kriegswichtig eingestuften Städten ins sogenannte „Führersofortprogramm“ aufgenommen und sollte mit bombensicheren Luftschutzanlagen ausgestattet werden. Allerdings scheint es zu Verzögerungen gekommen zu sein – vermutlich hatten andere Städte eine höhere Priorität – und erst 1942 wurde mit dem Bau von Hochbunkern begonnen. Neben diesen bombensicheren Bauwerken gab es noch über 1000 Luftschutzräume innerhalb der Keller der Zivil- und Verwaltungsgebäude. Diese, das Rückgrat jeden städtischen Luftschutzes bildenden Einbauten, boten üblicherweise nur Schutz vor Druckwellen und konnten die Last der Trümmermassen aushalten, falls das Gebäude darüber zusammenbrach. Im Gegensatz zu den Hoch- und Tiefbunkern, die ab Spätsommer 1940 in den deutschen Städten errichtet wurden, waren die Luftschutzräume bereits in den 1920er-Jahren entwickelt worden. Gleiches galt für die 21 in Soest projektierten Deckungsgräben, von denen nur zwölf gebaut wurden.

Deckungsgräben waren als widerstandsfähigere Alternative zu Luftschutzkellern entwickelt worden, die dennoch nicht zu teuer war. Im Prinzip handelte es sich um einen grabenförmigen, 1,2 bis 1,8 m breiten Betonkörper, der erdgleich versenkt wurde. Der Aushub der Baugrube wurde anschließend etwa 1,0 m hoch auf die 0,3 bis 0,5 m starke Betondecke aufgeschüttet. Die Deckungsgräben setzten sich aus mehreren Teilstücken zusammen, die versetzt zueinander angeordnet und mit Zwischentüren abzuriegeln waren, um bei einem Treffer zu verhindern, dass der Explosionsdruck durch den gesamten Bau schoss. Jede Sektion verfügte im Idealfall über eine eigene Luftversorgung, einen Abort sowie einen Zugang bzw. Notausgang und eine Heizung – meist in Form eines Ofens. Ein gutes Beispiel für diesen Bautyp ist der Deckungsgraben am Burghofmuseum, der für Besucher zugänglich ist. In jeder Luftschutzanlage waren zusätzlich Erste-Hilfe Materialien und Werkzeuge vorhanden, um Verletzte zu behandeln und sich im Zweifelsfall aus einem verschütteten Zugang selbst freischaufeln zu können. Von diesen Gegenständen hat sich nichts mehr in den untersuchten Anlagen erhalten.

Während die Instandhaltung der großen Bunker aufgrund der technischen Einrichtungen in den Aufgabenbereich speziell ausgebildeter Techniker fiel, war für den Unterhalt der Deckungsgräben und Luftschutzräume nur eine kurze Einweisung notwendig. Üblicherweise wurde der/die für den Deckungsgraben verantwortliche Luftschutzwart/in aus der direkten Nachbarschaft des Grabens von der örtlichen Luftschutzleitung bestimmt. Im Angriffsfall musste er die Türen aufsperren, Licht anschalten und für einen geordneten Einlass sorgen. Nach dem Angriff oblag ihm die Säuberung des Aborts, der meist ein Trockenklosett war, die Meldung von Schäden und eine allgemeine Reinigung. Oft mussten auch Erbrochenes oder Fäkalien entfernt werden, da einerseits die schlechte Belüftung in den meist überfüllten Schutzanlagen zu Übelkeit führte und andererseits viele Menschen auf den Stress mit Erbrechen, Wasserlassen oder Durchfall reagierten.

Der Deckungsgraben im Ulrich-Jakobi-Wall stellt bautechnisch in vielerlei Hinsicht eine Besonderheit zu den normalen Bautypen wie dem Graben am Burghofmuseum dar, was eine direkte Folge des Bauplatzes ist (Abb. 2). Im Gegensatz zu den anderen Gräben, die gezackt angelegt wurden, nutzt er den Wallkörper als Schutzhülle und musste dementsprechend gerade verlaufen. Gleichzeitig sollte ein Walldurchbruch in den Bau integriert werden, um einen Verkehr außerhalb der Stadt zu ermöglichen. Der Durchbruch bildete den mittigen Zugang, an den sich im Südosten und Nordwesten jeweils eine ca. 30 m lange Sektion anschloss. Die Regel, immer mindestens einen Zugang und einen Notausgang zu haben, wurde im Fall des untersuchten Deckungsgrabens so gelöst, dass an den dem Durchbruch abgewandten Enden der Schutzsektionen jeweils ein weiterer Zugang angelegt wurde. Die auf die Ulrich-Jakobi-Wallstraße führenden Türöffnungen wurden nach dem Krieg vermauert, sind aber heute noch im Mauerbild zu erkennen (Abb. 3). Neben dem gradlinigen Verlauf ist vor allem der Bauvorgang eine Besonderheit. Während die Deckungsgräben normalerweise in Baugruben gesetzt wurden – der Deckungsgraben am Burghof wurde während des Sportunterrichts von Schülern gebaut –, trieb man in den Ulrich-Jakobi-Wall Stollen vor. Der Lehmkörper des Walls war dabei so stabil, dass er nicht abgestützt werden musste. Nach dem Stollenvortrieb wurden schnellstmöglich die Wände eingemauert, wobei auf eine Bodenplatte verzichtet wurde. Die Betondecke wurde schnell gegossen. Eine Deckenfuge zeigt indes, dass die Sektionen in zwei Bauabschnitten gegossen wurden. Nach dem Bau des Schutzkörpers wurde eine einfache Drainage aus Tonröhren verlegt und der Boden mit verdichteten Industrieschlacken bedeckt.



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Ilse Maas-Steinhoff

Das Gemäldeepitaph des Soester Barock-Bürgermeisters Gerhard Klotz II (1613-1680) – ein Spiegel des Bedeutungsschwundes von Amt und Stadt?

Das Burghofmuseum Soest stellt im Dachgeschoss an einer seitlichen Stellwand ein Gemäldeepitaph für den Soester Barockbürgermeister Gerhard Klotz aus, der 1667 ins Amt gekommen und 1680 verstorben ist. Er gehörte einer Familie reformierten Bekenntnisses an, die etwas mehr als ein Jahrhundert lang zur städtischen Elite zählte. Zeugnisse im Stadtbild, das ehemalige „von Klotzsche Haus“ am Steingraben (Abb. 2)und eine kleine hölzerne Außenplastik am Rathaus, die den Sohn des Genannten zeigt, halten den Namen bis heute lebendig.

1. Das Epitaph in seinem Soester Kontext

Die drei mit der Familie verbundenen Objekte lassen sich je einem von drei Generationen Clotz/Klotz zuordnen, die in der Zeit zwischen 1629 und 1715 nacheinander immer wieder in jeweils zweijährigen Perioden das Amt des Soester Bürgermeisters innehatten: Sechsmal bekleidete es der gebürtige Paderborner Dr. iur. Gerhard Clotz I (1578-1650), der 1607 als hauptamtlicher Syndicus in unsere Stadt gekommen war und insgesamt neunundzwanzig Jahre im Soester Stadtrat saß[ – ihm fiel durch Einheirat in das Geschlecht Merckelbach der Wohnsitz am Steingraben zu. Sein Sohn Gerhard Klotz II, dem das Epitaph gewidmet ist, war viermal Bürgermeister und dreimal dessen Sohn Otto Gerhard Klotz (1663-1715). Dieser legte den Grundstein für das Soester Rathaus und war der maßgebliche Akteur beim Bau des ehemaligen Waisenhauses. Ihn stellt die erwähnte kleine Skulptur dar.

Was ist in der Soest-Literatur bisher zu der Gedächtnistafel des Gerhard Klotz II zu finden? Erstmalig wurde diese im 18. Jahrhundert zusammen mit anderen Soester Epitaphien durch Franz Goswin von Michels aufgelistet. Erst Hubertus Schwartz dokumentierte sie – in Unkenntnis der einige Zeit verlustigen Michels-Handschrift – in „Soest in seinen Denkmälern“ genauer. Anderweitig findet sie sich m. W. nicht detailliert beschrieben, so dass ein derartiger Versuch lohnend erscheint, auch im Hinblick auf die integrierte Soest-Ansicht.

Gerhard Klotz II war wie sein Vater als Jurist städtischer Syndikus und von 1646-1664 Großrichtmann. Unter seinen Vorfahren finden sich angesehene Gelehrte, seine Ehefrau Anna Elisabeth Woesthoff (1613-1700) stammte aus einer seit 1305 in Soest ansässigen großbürgerlichen Familie. Er war vermutlich Mitglied der Stalgadum-Gesellschaft, der einstigen Vereinigung der nicht in den Zünften organisierten Berufe mit Bürgerrecht. Diese hatte sich mit der Zeit zur Honoratiorengesellschaft gewandelt und stellte im 16./17. Jahrhundert mehr als die Hälfte der Bürgermeister, während viele Nachfahren der althansischen Geschlechter der Stadtpolitik den Rücken gekehrt und sich auf landadelige Güter zurückgezogen hatten.

Als Klotz II 1667 mit 54 Jahren das Amt übernahm, zählte die Stadt der Schätzung nach nur noch etwas mehr als dreitausend Einwohner und hatte im Sommer zuvor eine der letzten Pestkrisen hinter sich gebracht. Auf landespolitischer Ebene war endlich der Schwebezustand der vergangenen Jahrzehnte beendet, gerade hatte das Haus Brandenburg die Landesherrschaft über Soest definitiv übernommen. So war Klotz II ein Jahr Bürgermeister, als am 30. Oktober 1668 der nun fällige Huldigungsakt anstand, wobei die Huldigungskommissare, der klevisch-märkische Archivar Adolf Wüsthaus und Generalmajor Freiherr von Spaen, im Klotzschen Haus am Steingraben Quartier nahmen wie sieben Jahre später auch der Kronprinz bei seinem Besuch in Soest.

Über die Situation der Stadt während der Amtszeit des Gerhard Klotz II mit nicht enden wollenden Einquartierungen gibt ein Schreiben Auskunft, das der Soester Bürgermeister Jacobi 1687 an Generalmajor von Spaen richtete, um bei ihm Erleichterungen zu erwirken:

„Ao. 1671 fing der Krieg mit Frankreich an.

Ao. 1672 ist diese Stadt durch brandenburgische Einquartierung, bevorab [insbesondere] da am Ende des Jahres 5 Regimenter darin gelegen, sehr beschweret worden, wie auch anfangs des folgenden 1673ten Jahrs die Belagerung der Stadt Werl […] etliche 1000 Rthlr. gekostet. […] Darnach […] ist der General Turenne ad 1600 Mann und 9 Generals in diese Stadt und Börde gekommen […] und seyn beinahe […] 1000 Mann biß den 16. Juli stehen blieben.

Ao. 1675, 76 haben immer die Beschwerden wegen grosser Steuern und Winterquartieren continuirt, biß ao. 79 da die brandenburgische Armee 3 Tage in dieser Stadt unterhalten worden […] und haben […] abermals die Stadt ganz aufgezehret und auch viel Geld ausgepresset und … [trotz des Friedenschlusses] blieben zu Soest 7 Compagnien Franzosen stehen vom 7. August 79 biß 16. Febr. 1680. […] also daß der Franzen Überfall über Rhein, dieser Stadt und Börde an Schaden wol eine Tonne Golds gekostet“.

Wenn auch die Bittsteller sicherlich das Klagelied laut genug anstimmten und z. B. in den Jahrzehnten nach dem Westfälischen Frieden die schlimmsten Hauszerstörungen wohl beseitigt waren, stellte eine konstant hohe Elendsschicht aus Armen, Kranken und vagabundierenden Bettlern in der Soester Gesellschaft die Stadtverwaltung zusätzlich vor Probleme.

Gerhard Klotz II starb mit siebenundsechzig Jahren wie sein Vater im Amt.



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